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Apotheose der Liebe


Esslinger / Cannstatter Zeitung | Dietholf Zerweck

MacMillan-Passion in der Lutherkirche Bad Cannstatt

Stuttgart – In der Lutherkirche Bad Cannstatt erklang unlängst mit James MacMillans „St John Passion“ ein höchst anspruchs- und eindrucksvolles Werk, das danach fragt, was wir unter Macht, Sieg, Wahrheit und Wirklichkeit verstehen. So sind der Disput zwischen Jesus und den Hohepriestern und seine Auseinandersetzung mit Pilatus dramatische Höhepunkte im ersten Teil, doch kontrastiert MacMillan den Evangelienbericht mit meditativen Gesängen aus der lateinischen Osterliturgie und erweitert im zweiten Teil die Golgatha-Szene mit Johannes unter dem Kreuz durch ein „Stabat mater“ und die „Heilandsklagen“ des alttestamentarischen Propheten zum Karfreitag: „Mein Volk, was habe ich dir getan? Womit habe ich dich beleidigt? Antworte mir!“ Diesen Appell des „Answer me!“ steigert der Solo-Bariton in siebenfacher Wiederholung zu äußerster Dringlichkeit und Aktualität.

Von Barock bis Britten

Komponist James MacMillan mischt verschiedenste Einflüsse, von keltischer Folklore und barocker Sakralmusik über Wagner‘sches Opernpathos bis hin zu Britten, Birtwistle, Penderecki und Lutoslawski oder zu den kaleidoskopartigen Klangmixturen eines Charles Ives. Auch das sinfonische Ausdrucksspektrum ist vielfältig und bietet manch filmische, gelegentlich bombastische Assoziationen. Jörg-Hannes Hahn hatte bei seiner Aufführung des Werks mit der Württembergischen Philharmonie Reutlingen keine Skrupel, diese von Pauken und Bläserfanfaren gekrönten Klangballungen effektvoll herauszuarbeiten. Wesentlich für die Gestaltung des Passionstextes war der Wechsel zwischen dem von der Seitenempore herab madrigal intonierenden Sindelfinger Kammerchor in der Rolle des Erzählers und dem großen Bachchor, der neben den Volksszenen auch alle Solopartien als Kollektiv artikulierte und noch die meditativen lateinischen Texte sang. Wie der über 60-stimmmige Bachchor die komplexen, häufig die Tonalität sprengenden Einsätze bewältigte, war bewundernswert.

Anders als in Bachs Passionen, wo Betroffenheit, Trauer und Glaubenserkenntnis in Chorälen und Arien zum Ausdruck kommen, lässt MacMillan das vom Orchester höchst expressiv artikulieren. Schon zu Beginn, auf die Frage „Wen suchet ihr?“, erfolgt im Orchester ein Tutti-Aufschrei zur Antwort „Jesus von Nazareth“ und dem „Ego eimi“ des Solisten. Wolfgang Newerla gestaltete seine Christus-Partie zwischen ausgedehnten koloraturartigen Vokalisen, repetitiven Floskeln und ekstatischen Ausbrüchen. Im Zentrum der Kreuzigung entwickelte Hahn nach grellem Orchestervorspiel ein innerlich erregtes Chordrama, welches im „Miserere mei Deus“ und im „Salva me!“ im extremen Kontrast gipfelte: die Bitte um Erbarmen in „Parsifal“-Klänge gebettet, darauf der Schrei nach Rettung. Der Einsatz des Tänzers Gilles Welinski wirkte da entbehrlich. Im Orchester-Epilog zitiert MacMillan mehrfach den „Tristan“-Akkord, die Apotheose dieses Liebestodes erlischt mit einem letzten Schnaufer der Basstuba.