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Wir veröffentlichen Pressestimmen zu den Veranstaltungen der Reihe Musik am 13. mit freundlicher Genehmigung der genannten Medien.

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KMD Prof. Jörg-Hannes Hahn
Tel.: 0711/549973-75


Auf der Suche nach dem verlorenen Werk


Esslinger Zeitung | Verena Großkreutz

Jörg-Hannes Hahn dirigiert eine Rekonstruktion von Bachs Markuspassion in der Cannstatter Reihe "Musik am 13."

In der Passionszeit ist Johann Sebastian Bachs Musik Garantin für volle Kirchen. Aber um Abwechslung in die Endlosschleife seiner beiden bekannten Passionen nach Johannes und Matthäus zu bringen, gibt es eine Alternative: Seine Markuspassion. Sie ist zwar nur als Libretto überliefert. Aber Rekonstruktionen der Musik, die teilweise in anderen Werken Bachs überlebte, gibt es etliche – mit eigenenkompositorischen Ergänzungen oder ausschließlich mit Bach-Arrangements. Die neueste Version nahm sich Jörg-Hannes Hahn in seiner Reihe „Musik am 13.“ vor. Und die bietet Turba-Chöre vom Feinsten: „Kreuzige ihn, kreuzige ihn“ schallte es nicht weniger spektakulär als in Bachs anderen Passionen durch die proppenvolle Cannstatter Lutherkirche. Zumal sich der Bachchor Stuttgart in der Leitung Hahns mächtig ins Zeug legt, um den dramatischen Gipfelpunkten genügend Schärfe zu verleihen.

Die Fassung stammt vom Hamburger Kantor Andreas Fischer. Der wirbt für seine Bearbeitung, sie sei „100 Prozent Bach“. Freilich ist sie auch 100 Prozent musikalische Mehrfachverwertung: Die Texte werden anderen Vokalkompositionen Bachs unterlegt. Im Barock galt dieses sogenannte Parodieverfahren als ästhetisch unbedenklich, Bach selbst war ein Meister darin. Für Großwerke wie das Weihnachtsoratorium oder die h-Moll-Messe schöpfte er fast nur aus dem Riesenkosmos seiner älteren Werke. Wäre doch auch schade gewesen um die guten Ideen, mit denen ein Komponist sparsam umgehen muss.

Musik, die aufs Libretto der Markuspassion passt, fand Fischer, wie auch schon andere vor ihm, in Bachs Kantaten und in Sammlungen seiner Choräle. Und so erklang in der Lutherkirche Wohlvertrautes– allerdings ohne dass einen dabei das Gefühl verlassen hätte, dass es sich doch bei allem nur um ein Scheinwerk handelt. So klingt der rezitativische Passionsbericht, den Tenor Michael Connaire als Evangelist klar artikuliert und mit der nötigen
mitreißenden Dramatik sang, an manchen Stellen etwas kantig und abrupt. Und sicher hätte Bach die eine oder andere Stelle schöner ausgemalt. Vielleicht fühlte sich Bass Wolf Matthias Friedrich deshalb veranlasst, die Jesusworte emotional oft zu überschäumend zu singen. Die neun Arien lieferten dagegen gewohnte Bach-Qualität – schlicht und gelassen gesungen von Sopranistin Yuna-Maria Schmidt, Altistin Seda AmirKarayan und Bass Felix Schwandtke.

Hahn erzeugte derweil mit einem dramaturgisch schlüssigen, die Nummern des gut zweistündigen Werks zügig aneinanderbindenden Dirigat Spannung, auch wenn das Main-Barockorchester Frankfurt in Sachen Intonation und lebendiger Phrasierung Wünsche offen ließ. Der Bachchor dagegen war gut in Form, besonders in den 16 schlichten Chorälen, die in dieser vergleichsweise hohen Dichte die Markuspassion schnell eintönig wirken lassen könnten. Und überhaupt: Auch in noch so kundiger Rekonstruktion kommt das Werk an die überragende Qualität der beiden original überlieferten Bach’schen Passionen nicht heran.