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Wir veröffentlichen Pressestimmen zu den Veranstaltungen der Reihe Musik am 13. mit freundlicher Genehmigung der genannten Medien.

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In Tongewittern


Esslinger / Cannstatter Zeitung | Rainer Kellmayer

„Klangdom“ bei Musik am 13. in der Cannstatter Stadtkirche

Stuttgart – Ein ultratiefer Ton brummt durch den Raum, an Naturlaute erinnernde Geräusche wandern aus der Ferne heran, legen sich über den Pedalton.Rund um die Zuhörer aufgestellte Lautsprecher machen die Cannstatter Stadtkirche zum Klangdom: Realer Kirchenraum und virtuelle Musik wurden zur Einheit in diesem Konzert der Reihe Musik am 13., das am Karlsruher Zentrum fürKunst und Medientechnologie (ZKM) entstandene Arbeiten präsentierte. In deren Zentrum steht der Computer als Mittel zur Komposition und elektronischen Klangerzeugung.

In „Ombres, espaces, silences ….“ schlägt der Kanadier Gilles Gobeil den Bogen von der frühen Polyphonie zum großen Universum der Geräusche. Er versucht, die Spiritualität frühchristlicher Eremiten einzufangen, die sich einst aus der Gesellschaft lösten, um außerhalb die lösung vermeintlich unlösbarer Probleme zu finden. Gobeil setzt mannigfache Geräusche ein, die die Fantasie des Hörers auf reisen schicken: Kino für die Ohren. Klänge verdichten und entspannen sich in steter Folge, wechseln permanent Klangfarben, Dynamik und Schattierungen – man wähnte sich zeitweise in der Welt der Science Fiction. Die Collage brachte Fiktives, Filigranes und Geheimnisvolles, wobei die dynamisch anschwellenden Tonwellen gelegentlich bedrohliche Klangdimensionen erreichten.

Einen anderen Weg wählte Ludger Brümmer, Leiter des Instituts für Musik und Akustik am ZKM, in seiner 2007 entstandenen Komposition „Shine“ für Video und Elektronik. Aus einer höchst komplex strukturierten Klangfläche entsteht nach einem radikalen Bruch ein einzelnes Ereignis, und daraus wiederum konstituiert sich kompositorisches Material, das sich zunehmend verdichtet und beschleunigt, erneut zur Fläche zusammenwächst, um dann nach einer Klimax völlig zu zerfallen. Die auf eine leinwand projizierten surrealen Videobilder korrespondieren mit der Computermusik, entfalten eine starke suggestive Wirkung: als werde man versetzt in eine unwirkliche Welt, beherrscht von liegenden Flächen und Aktionen mit gewaltigen Steigerungen in Tempo und Intensität; wobei die flirrenden Bilder und bizarren Klänge das Aufnahme und Verarbeitungspotenzial des Gehirns auf eine harte Probe stellen.

In „Inferno der Stille“ für Tonband und Chor a cappella zerlegt Brümmer den Introitus aus Mozarts Requiem in einzelne Klangpartikel, die er mit Hilfe eines Computerprogrammes neu zusammensetzt. „Es ist, als würde man einen Klang unter das Mikroskop legen und dann mit der Gestalt desselben malen“, erläuterte er. Doch von Mozart war nichts mehr zu spüren – es entstand ein völlig neues Werk unter Verwendung von Material des großen Klassikers. Brümmer ließ ein Inferno durch den Kirchenraum rasen, steigerte die Klangfluten bis an den Rand des Erträglichen, um nach einem Moment der Entspannung einen erneuten Angriff auf die Hörnerven der Zuhörer zu starten. Schön war das nicht, aber so intensiv und ergreifend, dass es einem den Atem verschlug. In den wenigen ruhigen Passagen klinkte sich die Domkapelle St. Eberhard ein. Von Andreas Großberger sicher geführt setzten die Choristen mit gregorianischen Psalmgesängen einen Gegenpol zu den wilden Tongewittern: Sauber intoniert, ausgewogen in der Balance und mit biegsamer Klangformung.