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Kleiner Mensch, große Musik


Stuttgarter Zeitung | Susanne Benda

Bei den „Orgelsommer“-Konzertreihen in der Stuttgarter Stiftskirche und in der Stadtkirche Bad Cannstatt haben Kay Johannsen und Bernadetta Sunavska-Schlichting gespielt.

Stuttgart - Hat da ein Gott seine Hand im Spiel? Die Musik kommt aus dem Himmel. Vielleicht auch von der Seite, von irgendwoher, man kann sie nicht orten. Dass die Orgel als Königin der Instrumente gilt, hat nicht nur mit ihrer dynamischen Kraft und mit der Fülle ihrer Klangfarben, also: Ausdrucksmöglichkeiten, zu tun, sondern womöglich auch mit ihrer Positionierung im Kirchenraum. Der Organist sitzt über den Bänken, hinten auf der Empore; man sieht ihn erst am Ende, wenn er sich oben verbeugt: ein kleiner Mensch nach großer Musik. Sähe man ihn schon vorher, so müsste man immer noch staunen, denn die Klänge, die er produziert, kommen nicht aus dem Kasten, auf dem er spielt, sondern aus riesigen Metallröhren noch weiter hinten im Raum. Auch deshalb hat Orgelmusik etwas Geheimnisvolles, Magisches. Sie ist auf überwältigende Weise da, aber irgendwie körperlos: losgelöst von Menschen, die sie schwitzend mit Füßen treten und auf Händen tragen.

Es sei denn, man hört Orgelmusik in der Stiftskirche. Als Stuttgarts Stiftskantor Kay Johannsen seinen Zyklus „Orgelsommer“ am Freitag mit einem eigenen Konzert beendete, warf eine Videokamera Bilder von der Empore auf eine Leinwand im Altarraum. Dort sahen die Besucher Johannsen dann spielen, sahen seinen Assistenten Noten umblättern und Registerzüge ziehen. Eine ganz normale Konzertsituation war das dennoch nicht Auch die Bilder sorgten für Entzauberung und Aufklärung, verbanden Zauberklänge mit profaner menschlicher Physis, und das ist vor allem insofern bemerkenswert, als es der Grundeinstellung des Interpreten entsprach.

Kay Johannsen trennt das Wesentliche vom Dekorativen

Kay Johannsen ist kein Überwältiger. Kein Klangmagier (auch wenn er oft magische Klänge findet). Er ist auch kein Instinktmusiker. Sogar seine Improvisationen wirken minutiös vor- und durchgeplant. Positiv formuliert: Kay Johannsen ist ein intellektueller Musiker, einer, der ungemein klar spielt, strukturerhellend. So hat er den komplex zerfasernden Koloss von Max Regers Choralfantasie „Straf mich nicht in deinem Zorn“ (op. 40,2) analytisch durchdrungen und ungemein klar gegliedert, so hat er in dessen Fantasie und Fuge feinstes Pianissimo ausformuliert und in gewaltige Fortissimo-Wirkungen hineingeführt, stets getragen von seinem großen Talent, Wesentliches vom Dekorativen zu trennen.

Ebenso ist allerdings festzustellen: Kay Johannsen ist kein Mann der Überraschungen; er ist einer, der festhält, nicht loslässt. Manchmal, in seinen Improvisationen oder auch in den neuen eigenen Stücken, die er dem Stuttgarter Publikum vorstellte, hätte man sich Freieres, Wilderes gewünscht als eine launige Allianz des „B-A-C-H“-Motivs mit dem Tango oder – als Uraufführung in Johannsens „Sunrise“ – eine Art akustischer Diashow zum Thema Sonnenaufgang mit wirkungsvoller Steigerung von Licht und Lautstärke, die am Ende gerade noch rechtzeitig vor dem tonal wohlgenährten Kitsch-Overkill die Kurve kriegt. Zum Glück, denn Johannsens Klangfantasie ist enorm.

Temperament und Musikantentum bei Bernadetta Sunavska-Schlichting

Das gilt auch für Bernadetta Sunavska-Schlichting, die am Sonntagabend in der Stadtkirche Bad Cannstatt den vorletzten Abend des Orgelsommers von „Musik am 13.“ mit einem überzeugend zusammengestellten Programm gestaltete, das einen weiten Bogen von Max Regers Choralfantasie op. 30 („Freu dich sehr, o meine Seele“) bis hin zu einer zugegebenen Reger-Toccata spannte. Zwischendurch hörte man launisch-Lautmalerisches von Johann Jakob Froberger (wie etwa einen schelmischen Abwärtslauf am Ende des „Tombeau sur la mort de Monsieur Blanceroche“, der den Verblichenen augenzwinkernd in das Reich des Todes hinabsteigen lässt) und Henri Pousseurs 1973 komponierten „Zweiten Blick auf den verbotenen Garten“, der die süßen Früchte des Paradieses beziehungsreich mit Bach-Choral-Anspielungen füllt. Außerdem gibt es Werke von Bach und die „Kleinen Suite mit Passacaglia“ von Bernadetta Sunavska-Schlichtings slowakischem Landsmann Eugen Suchon, welche die Organistin als gewiefte Arrangeurin selbst wirkungsvoll für Orgel arrangiert hat.

Schon die erst behutsamen, am Ende gewaltigen Steigerungen von Regers anfangs eher assoziativ träumender Fantasie lebten an diesem Abend von feinen klanglichen Details, und überhaupt überzeugte die Organistin durch viel Sinn für Farbnuancen und eine ausgeprägte Lust am temperamentvoll-Spielerischen, also durch das, was man gerne als musikantisch bezeichnet. Diese Lust machte fast jene Möglichkeiten wett, welche die Orgel der Stadtkirche im Gegensatz zum Mühleisen-Instrument der Stiftskirche ihrem Spieler nicht eröffnet. Eine Göttin ist Bernadetta Sunavska-Schlichting nicht, aber ihre Hände hatte sie wirkungsvoll im Spiel.