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Mahnung an die Lebenden


Esslinger / Cannstatter Zeitung | Dietholf Zerweck

Jörg-Hannes Hahn dirigiert Benjamin Brittens „War Requiem“ im Beethovensaal der Liederhalle

Stuttgart – Als Benjamin Britten 1962 für die Einweihung des Neubaus der Kathedrale von Canterbury, die im November 1940 durch einen deutschen Luftangriff zerstört worden war, sein „War Requiem“ schrieb, bewegte ihn neben der Erinnerung und der Trauer über die Verheerungen des Zweiten Weltkriegs vor allem der Gedanke der Versöhnung. Mitten im Kalten Krieg konnte seine Idee, dass die Solisten der Uraufführung aus drei ehemals verfeindeten Nationen kommen sollten, doch nicht vollständig verwirklicht werden. Eine Aufführung des „War Requiem“ am Festtag des 25-jährigen Jubiläums des Mauerfalls, an dem der frühere sowjetische Staatspräsident Gorbatschow vor einer neuen Eiszeit zwischen Russland und Europa warnte, bekommt da als Mahnung eine besondere Bedeutung. „All a poet can do today is warn“, hat der Dichter Wilfred Owen über seine Kriegsgedichte geschrieben, bevor er kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs an der Front in Frankreich getötet wurde. Sie sind der poetische Gegenpol zu den Texten der lateinischen Totenmesse in Brittens „War Requiem“. In ihnen wird das Grauen und Leid des Krieges dargestellt und die fromme Vision von Jüngstem Gericht und Erlösung mit der sinnlosen Realität des Abschlachtens konfrontiert. Das steigert sich im „Offertorium“ bei der Beschwörung des alttestamentarischen Stammvaters Abraham bis zur Perversion der biblischen Geschichte. Als Isaak geopfert werden soll und der Erzengel Michael das Menschenopfer verhindert, hält Owen dagegen: „Aber der alte Mann tat dies nicht, sondern schlachtete seinen Sohn, und die Hälfte der Jugend Europas, einen nach dem anderen.“

Mit einem großen Chor, einem Knabenchor, einem Sinfonieorchester, einem 12-köpfigen Kammerensemble und drei Gesangssolisten verlangt die Darbietung des „War Requiem“ einen großen Aufwand – vielleicht ein Grund für die relativ seltenen Aufführungen. Der gemischte Chor und das Orchester bilden das tonale Gerüst des lateinischen Requiems, über dem der Solosopran seine dramatischen und lyrischen Ariosi singt und das unisono der Kinderstimmen dem spirituellen Gehalt des Textes am nächsten ist. Die zwischen Rezitativ und Arie wechselnden Teile mit Tenor und Bariton überschreiten dagegen die Grenzen der Tonalität, expressiv aufgeladen durch die oft solistisch agierenden Instrumente. Geradezu ineinander verkeilt bringen alle Klangkörper im „Libera Me“ den Schrei nach Errettung und Befreiung zum Ausdruck, bevor der Bariton in der Figur des getöteten Feindes, verlassen vom Klang der Instrumente, absurde Bilanz zieht („I am the enemy you killed, my friend“) und sich die Konfrontation in einer Woge von Klängen auflöst.

Mit den vereinigten Bachchören von Stuttgart und Bad Homburg, dem Kinderchor des Teatr Wielki aus Lodz, der Jenaer Philharmonie und einem Kammerorchester unter der Leitung von Susanne Rohn gelang dem Cannstatter Kantor und Kirchenmusikdirektor Jörg-Hannes Hahn eine beeindruckende Aufführung. Die illustrativen Schrecken des „Dies Irae“, reflektiert in den Schlagwerk-Detonationen und Klangballungen des Orchesters, kamen dramatisch zur Geltung, der große Chor meisterte die heiklen Dissonanzenmeist souverän und blieb auch im stärksten Getümmel rhythmisch prägnant. Der größtenteils mit Mädchen besetzte Kinderchor war mit seinen Cantus-firmus-Einwürfen ein zartes Gegengewicht. Matthias Klink evozierte die gespenstische Szene des getöteten jungen Soldaten in seiner Tenorpartie ebenso ergreifend wie seine schmerzliche Kantilene im „Agnus Dei“. Ronan Collett in der Baritonpartie stand ihm in ausdrucksvoller Gestaltung kaum nach. Leider hatte die Sopranistin Catriona Smith bei ihrem emphatischen Einsatz öfters mit der Intonation zu kämpfen.