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Wider das Vergessen


Esslinger / Cannstatter Zeitung | Verena Großkreutz

Zwei Klassiker der elektronischen Musik und Motetten von Anton Bruckner in der Cannstatter Reihe „Musik am 13.“

Stuttgart - Eine kaum beschreibbare Musik ist das: blecherne Lärmballungen, die sich in großen Wellen entladen, hohe, gequälte Stimmen, deren Weinen, Schreien und geisterhaftes Heulen sich mit geräuschhaften oder als Orchesterparts identifizierbaren Klängen mischen, quietschende, schrille Töne, wie von einem bremsenden Zug. Luigi Nonos elektronisches Stück „Erinnere dich, was sie dir in Auschwitz angetan haben“ von 1966 wird nie konkret, aber führt die Assoziationen stringent ins Grauen der nationalsozialistischen Vernichtungslager. Das Stück für Magnetband ist ein Klassiker der elektronischen Musik, aber man hört es fast nie. Es ist daher beeindruckend, dass es in der feinen Cannstatter Konzertreihe „Musik am 13.“ zu hören war, wo gerne Experimente gewagt werden.

Zudem ist es dem künstlerischen Leiter Jörg-Hannes Hahn gelungen, für das Konzert eine Aufführung von Karlheinz Stockhausens „Gesang der Jünglinge im Feuerofen“ für Vierkanal-Elektronik in die spätgotische Cannstatter Stadtkirche zu holen: ein geistliches Werk, das aber keinerlei konventionellen Vorstellungen von Kirchenmusik entspricht. Jetzt drang es in der gut besuchten Stadtkirche unter den wachen Augen und Ohren des Elektronikspezialisten Otto Kränzler und des Stockhausen-Experten Rudolf Frisius aus fünf Lautsprechern: Musik aus dem Mischpult, die mit Hilfe von Tongeneratoren und Filtern die Stimmaufnahme eines Knaben durch Transposition, Hall, Zersplitterung, Schichtung, Dehnung, Verkürzung, Wiederholung in eine avantgardistische Sinfonie aus Textfragmenten, Gesangsmomenten, gläsernen, blubbernden, knallenden, chorischen Klängen verwandelt. Ein faszinierender universaler Lobpreis Gottes.

Das Konzert stand unter dem Motto „Wider das Vergessen“ als musikalisches Gedenken an die „Reichspogromnacht“ am 9. November 1938. Kontrastiert wurde die Musik vom Band mit live aufgeführten Motetten und anderen A-cappella-Chorstücken von Anton Bruckner. In der Leitung Jörg-Hannes Hahns brachte der Cantus Stuttgart, der in diesem Jahr seinen 25. Geburtstag feiert, die kathe­dralenhafte Klanglichkeit dieser Musik wunderbar zur Entfaltung: ihre weiten harmonischen Räume, ihre emphatischen Steigerungen, ihre spätromantisch warme, fließende Klanglichkeit. Eine Musik des Trostes und des Sehnens nach Geborgenheit im Glauben. Aber gerade das „Libera me“, das um Rettung vor den Schrecken und dem Unheil dieser Welt fleht, wurde an diesem Freitagabend eingeholt von der furchtbaren Realität der Terroranschläge in Paris.