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Im Irrgarten der Klänge

Stuttgarter Zeitung | Dietrich Heißenbüttel

In der Cannstatter Stadtkirche antwortet bei der Musik am 13. der Neuen Musik ein elektronisches Echo.

Das Jesaja-Zitat „Ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen“, aufgegriffen in der Johannes-Apokalypse und in der Autobiografie des Bundespräsidenten Joachim Gauck, dient der Cannstatter Musik am 13. am Samstag als Motto und Einstimmung in ein Programm vorwiegend Neuer Musik. „Neu“ bezog sich in vier Kompositionen des Abends auch auf ein elektronisch erzeugtes Echo der Instrumentalklänge, das den Kirchenraum manchmal in einen einzigen Klang-Irrgarten verwandelte. In Jonathan Harveys „Ricercare una melodia“ geschieht dies recht wörtlich, indem die Melodie des Violoncello sich zu einer Art Kanon vervielfältigt: Mit scharf angestrichenen, eruptiven Attacken schien Séverine Ballon freilich gegen ihre Nachbilder aus dem Lautsprecher eher anzukämpfen, bis schließlich ein tiefer Pedalton, weit unterhalb des Tonumfangs ihres Instruments, Ruhe in die Angelegenheit brachte.

Girolamo Frescobaldi ist sehr beliebt, wenn es darum geht, Neue mit Alter Musik zu kontrastieren. Von seiner erfindungsreichen, teils ungewohnt klingenden Tonkunst gab die „Toccata per l’elevazione“, an der Orgel vorgetragen von Jörg-Hannes Hahn, dem künstlerischen Leiter der Reihe, mit ihren chromatischen Tonfolgen, Modulationen und Dissonanzen einen lebhaften Eindruck. Auf den Jesaja-Text folgte Mark Andres „... hoc ...“ – mit einem interessanten Einstieg: Séverine Ballon ließ die Finger der linken Hand über die Saiten gleiten, ohne sie niederzudrücken, während der Bogen nur den Hauch eines Geräuschs mit gedämpften Flageolett-Obertönen erzeugte. Dann folgt ein einzelner, angezupfter Ton, dessen Obertonspektrum die Elektronik selektiv verstärkte. Allerdings versanken die zumeist geräuschhaften Celloklänge und ihre elektronischen Doppelgänger im langen Nachhall des Kirchenschiffs, das zudem bestimmte Eigenfrequenzen über Gebühr zu verstärken schien und Andres ohnehin spannungsarme Komposition zunehmend absorbierte.

Besser funktionierte das Schattenspiel mit der Bassflöte in Brian Ferneyhoughs „Mnemosyne“. Zur vorproduzierten Begleitung aus acht Lautsprechern gab Maruta Staravoitava ein buntes Konzert mit sich selbst, sodass der Raum mit den gedämpften, sonoren Tönen ihres Instruments, dem Anblas-Geräusch, den durch Überblasen erzeugten höheren Lagen und dem Geklapper der Klappen erfüllt war.

Um zur Gattung des Ricercar zurückzukommen: Eine harmonisch weniger gewagte, jedoch höchst originelle Variante bot Hahn anschließend mit dem „Recercar con obbligo di cantare la quinta parte senza toccarla“: Der lange Titel besagt, dass der Interpret bestimmte Passagen durch Gesang zu ergänzen habe. Luigi Nonos „À Pierre. Dell’azzurro silenzio, inquietum“ kehrt zurück zum Geräusch mit elektronischem Nachhall. Diesmal stimmt das Verhältnis: Bassflöte und Kontrabassklarinette sind eins, bis sich daraus ein gelegentliches Schnarren, Gurgeln, Tuten heraushebt, das zurückhallt. Schließlich scheint der Kirchenraum zu atmen, als befände man sich im Bauch eines Blauwals.