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Wir veröffentlichen Pressestimmen zu den Veranstaltungen der Reihe Musik am 13. mit freundlicher Genehmigung der genannten Medien.

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Kraft und Spannung

Esslinger / Cannstatter Zeitung | Sebastian Quint

Frank Martins „Golgotha“ in der Cannstatter Lutherkirche

Stuttgart – Als der Komponist Frank Martin mit elf Jahren zum ersten Mal Bachs Matthäuspassion hörte, hat das Werk in ihm einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Unmittelbarer Auslöser für sein eigenes Passionsoratorium „Golgotha“ von 1948 war indes eine Rembrandt-Radierung, die Jesu Sterben am Kreuz in ein eigentümliches Licht taucht – ein Bild, das den Komponisten tief bewegte. Jörg-Hannes Hahn, sein Bachchor Stuttgart und die Württembergische Philharmonie Reutlingen führten in der Cannstatter Lutherkirche das selten zu hörende Werk auf, das sich wie Bachs Passionen ganz auf den biblischen Bericht stützt. Jedoch greift Martin auf die Erzählung aller vier Evangelisten zurück. Jesu Worte legt er (wie Bach) einem Bariton in den Mund. Die weiteren handelnden Personen sind den übrigen Vokalsolisten zugewiesen. Vor allem aber sind diese (und bisweilen auch der Chor) mit den reflektierenden Einschüben betraut, bei denen Martin auf die „Meditationen“ und die „Bekenntnisse“ von Augustinus zurückgegriffen hat: eine stimmige Textkompilation, die Geschlossenheit vermittelt und dennoch ein Spannungsfeld schafft. Choräle findet man keine in diesem Oratorium, das nicht für den Gottesdienst bestimmt ist, aber, so der Wunsch des Komponisten, in einer Kirche aufgeführt werden soll.

Dirigent Hahn brachte Chor, Orchester und Vokalsoli in eine spannkräftige und ausdrucksfähige Beziehung. Dem Orchester vermochte er einen differenziert aufgefächerten Klang zu entlocken, besonders eindrücklich gelang die biegsame Zeichnung der Holzbläserparts. Der Bachchor bot dem oft energisch auffahrenden Instrumentalsatz mit Elan Paroli, und beide Klangkörper erwiesen sich als beweglich genug, Martins weit gefasstem Ambitus vom Ausdruck der Düsternis bis zu aufgewühlter leidenschaft kongenial zu folgen. Allenfalls am Ende der Szene vor dem Hohen Rat hätte man sich im Chor noch mehr Durchsetzungsvermögen gegenüber dem grellen Tonfall des Orchesters gewünscht, und in einigen wenigen Chorsätzen hätte es gelegentlich einer noch klareren Stimmführung bedurft. Die Vokalsolisten überzeugten durchweg, an erster Stelle der Bariton Uwe Schenker-Primus, der dem Part Jesu stimmlich wandlungsfähig und mit hoch engagiertem Ausdruck seine ansprechende Stimme lieh. Yvi Jänicke verstand es, die im sechsten Teil im Augustinus-Text anklingende Stimmung der Ausweglosigkeit mit fein geführter Altstimme genauestens zu treffen. Auch Larissa Ciulei (Sopran) und Ferdinand von Bothmer (Tenor), der sich als Evangelist am Geschehen durchaus beteiligt, aber nicht unbedingt persönlich betroffen zeigte, gaben kaum Anlass zu Kritik. Gleiches gilt von Yongfan Chen-Hauser (Bass), der sich allerdings in der ansonsten deutschsprachigen Aufführung ohne ersichtlichen Grund an den französischen Originaltext hielt.