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Kunst schaffen als religiöser Akt

Stuttgarter Nachrichten | Verena Großkreutz

Komponistenporträt: Sofia Gubaidulina bei "Musik am 13."

Sie spricht leise, sucht in gebrochenem Deutsch nach Worten: Die Komponistin Sofia Gubaidulina fühlte sich im Porträtkonzert bei "Musik am 13." in der voll besetzten Cannstatter Stadtkirche offenbar nicht wohl vor dem Mikrofon. Eigentlich wolle sie ihre Musik gar nicht erklären, sagte die 81-Jährige etwas gequält, die Menschen sollten sie einfach hören. Gubaidulina blieb schwer verständlich, auch weil die Technik versagte. Zudem wirkten die Interviewer Jörg-Hannes Hahn und Ewald Liska zu wenig vorbereitet. Die Fragen schienen nicht abgesprochen, die Gesprächsführung war unstrukturiert.

Dass die christlich geprägte Komponistin - die in Tschistopol in der Tatarischen Autonomen Sowjetrepublik geboren wurde und seit 1992 in Deutschland lebt - in ihrer künstlerischen Arbeit einen religiösen Akt sieht, dass sie der Auffassung ist, Kunst könne ohne Spiritualität nicht existieren, dass es ihr Anliegen ist, Intellektualität und Emotionalität miteinander zu verbinden, das konnte sich das Publikum hörend erarbeiten: im still klagenden Alt-Solostück aus den 'Visionen der Hildegard von Bingen', gesungen von Stephanie Haas, oder in 'De profundis', einem Werk für Soloakkordeon, das mit fließenden Cluster-Klang-Ketten und choralartigen Passagen arbeitet, die nervös von atonalem Zierwerk umspült werden - mitreißend interpretiert von Stefan Hussong.

Das Hauptwerk des Abends, "Sonnengesang" auf den berühmten Hymnus von Franz von Assisi, enttäuschte. Chor und Solocello wollten gestalterisch nicht zusammenfinden. Der Chor blieb blass und intonatorisch unsicher, Dirigent Jörg-Hannes Hahn hatte den Spannungsbogen nicht wirklich im Griff, Cellist Friedrich Gauwerky konnte nicht deutlich genug machen, dass die verstimmten Cello-Saiten kompositorisch beabsichtigt waren. Die Akzente der beiden Perkussionisten - vergleichbar dem Klang singender Gläser - blieben schöner Effekt. Schade.