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Musik sagt mehr als (zu) leise Worte

Stuttgarter Zeitung | Markus Dippold

Gesprächskonzert - Die Komponistin Sofia Gubaidulina ist in Bad Cannstatt zu Gast bei Musik am 13. gewesen.

Einen Komponisten zu seinem Werk befragen zu können übt auf viele Hörer einen besonderen Reiz aus. Man erhofft sich neue Einsichten, Informationen aus erster Hand, die vielleicht ein vertieftes Verständnis der Werke ermöglichen. Vielleicht erklärt das den immensen Andrang am Mittwochabend in der Stadtkirche Bad Cannstatt, wo Sofia Gubaidulina in der Reihe 'Musik am 13.' zu Gast war. Die gebürtige Russin, die seit zwei Jahrzehnten in der Nähe von Hamburg lebt, stellte sich den Fragen von Ewald Liska und Jörg-Hannes Hahn. Leider machte die Technik einen Strich durch die Rechnung, trotz Mikrofonverstärkung war es kaum möglich zu verstehen, was die 81-jährige Komponistin zu sagen wusste.

Über das Bajan, ein akkordeonähnliches Instrument, das zu ihren Favoriten zählt, erfuhr man gerade noch so viel, dass sie in diesem meist für die Begleitung von Volksmusik verwendeten Instrument eine Persönlichkeit wahrnimmt, ein Streben nach Ernsthaftigkeit, dem sie im Konzertbetrieb einen Raum eröffnen will. Danach versagte die Technik komplett, und Gubaidulina sprach so leise, dass man sich doch auf die Wahrnehmung der Musik verlassen musste. Die immerhin hat viel zu sagen, wie man bei "De profundis" aus dem Jahr 1978 vernehmen konnte. Gubaidulinas gesamtes Werk ist geprägt von programmatischen Strukturen. Die Idee einer absoluten Musik lehnt sie ab, wie sie auch dem rein Weltlichen skeptisch gegenübersteht und stattdessen all ihren Kompositionen eine spirituelle Basis gibt.

So ist auch dieses hochvirtuose Bajan-Stück "De profundis" eine Umsetzung des biblischen Psalms "Aus der Tiefe rufe ich zu Dir". Aus tiefem Grummeln erheben sich die Klänge, rasende Bewegungen der einen Hand werden mit statischen Akkorden der anderen kombiniert, dazwischen flattern und zwitschern Vogelstimmenmotive in hoher Lage. Stefan Hussong, wahrscheinlich der profilierteste Akkordeonist unserer Zeit, realisiert das mit beeindruckender Virtuosität und macht die sakrale Aura dieser Musik spürbar.

Der zweiten Interpretin des Abends, Stephanie Haas, gelang das leider überhaupt nicht. Ihre Interpretation der "Visionen der Hildegard", 1994 für Altstimme solo komponiert, klang schrill, die Textverständlichkeit ging in den heftigen Tremoli unter. Dass das kein Problem der halligen Kirchenakustik war, wurde in der Rückschau deutlich. Denn in der zweiten Konzerthälfte interpretierte der Hausherr Jörg-Hannes Hahn mit seinem vorzüglich agierenden Kammerchor Cantus Stuttgart Gubaidulinas Version des "Sonnengesangs" von 1997. Psalmodierende Stimmführung, der Gegensatz von Frauen- und Männerstimmen, Ein-Ton-Melodien und exaltierte Solomomente prägen dieses rund vierzigminütige Werk, in dem drei Instrumentalisten dem Chor gegenüberstehen. Zwei Musiker bedienen eine Fülle von Schlaginstrumenten, pulsierende Gongtöne treffen auf virtuos geführte Stabspiele und mystisch raunende Wassergläser. Im Zentrum aber steht - wie so oft bei Gubaidulina - das Cello, das in einer responsorialen Struktur als Solist fungiert und meist in Obertonskalen oder Flageolettpassagen geführt wird.

Friedrich Gauwerky zelebriert das mit sonorem Tonfall, den er schon zuvor in "In croce" demonstriert hat. In diesem klangintensiven Werk arbeitet die Komponistin mit dem Kreuzmotiv, das in ihrem Leben "eine entscheidende Rolle" spielt, wie sie meint. Überhaupt sei ihr Schaffen als "Variationen auf das Thema des Kreuzes" zu sehen. Gerade in diesem kammermusikalischen Stück für Cello und Akkordeon offenbart sich Gubaidulinas große Kunst. Sie beherrscht die Bandbreite zeitgenössischer Kompositionstechniken perfekt, arbeitet geschickt mit Strukturen und Motiven und verleiht dem Ganzen eine persönliche Haltung, die das Komplexe zum ästhetischen Erlebnis macht. Oder wie sie murmelt: "Musik hat immer eine transzendentale und eine immanente Idee."