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Wir veröffentlichen Pressestimmen zu den Veranstaltungen der Reihe Musik am 13. mit freundlicher Genehmigung der genannten Medien.

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Provokante Botschaft

Esslinger / Cannstatter Zeitung | Verena Großkreutz

„Musik am 13.“ mit Heinrich Ignaz Franz Bibers „Rosenkranzsonaten“ in der Cannstatter Stadtkirche

Stuttgart – Sind sie tatsächlich in den 1680er-Jahren zur geistlichen Erbauung in Salzburger Rosenkranz-Andachten erklungen? Kaum vorstellbar. Heinrich Ignaz Franz Bibers 15 Mysterien-Sonaten für Violine solo und Continuogruppe, auch „Rosenkranzsonaten“ genannt, besitzen zwar auch meditative Züge und beziehen sich inhaltlich und formal auf das katholische Rosenkranzgebet. Andererseits aber sind sie nicht nur spieltechnisch viel zu spektakulär, als dass man während ihres Erklingens noch in der Lage wäre, sich in die vielen Vaterunsers und Ave Marias der Gebetskette zu versenken. Ihre reizvollen Melodien, virtuosen Finessen, tänzerischen Rhythmen und über weite Strecken kunstvolle Mehrstimmigkeit fordern unsere uneingeschränkte Aufmerksamkeit.

So auch jetzt in der Cannstatter Reihe „Musik am 13.“, wo in der gut besuchten Stadtkirche das Barockensemble Ars Antiqua Austria eine Auswahl aus dem Riesenzyklus hören ließ. In sechs Werken zeigte Geiger Gunar Letzbor, welche experimentelle Kraft ihnen innewohnt. Besonderes Merkmal des Zyklus ist, dass die Saiten der Violine nach jeder Sonate umgestimmt werden müssen. 15 verschiedene solcher Scordatura sind gefordert, wodurch unterschiedliche Klangfarben und -wirkungen entstehen, die sich durch die stärkere oder schwächere Spannung der Saiten ergeben. Zwar trat Letzbor gleich mit mehreren Instrumenten an, aber lange Stimmpausen verhinderte das nicht. Sie wurden von Pfarrer Gerd Mohr genutzt, um ein bisschen aus der Barocklyrik des provokanten Mystikers Angelius Silesius vorzulesen, der unter anderem geschrieben hat: „Ich weiß, dass ohne mich Gott nicht einen Augenblick kann leben.“

Kräftig zupackend mit Mut zu tonproduktionsbedingten Nebengeräuschen und kontrastreich in Klangfarbe, Ausdruck und Dynamik stürzte sich Letzbor in Bibers oft tonmalerisch garnierte Variationen, Tanzsätze, improvisatorisch frei sich entfaltende Sätze. Fein etwa die schmachtvolle Melodik, die flinke fröhliche Courante und das polyphone Adagio in der Sonate „Die Geburt Jesu Christi“. Und mitreißend, wie sich in der Sonate „Mariae Verkündigung“ nach rauer Folklore und dramatischem Furor aus rasend Geräuschhaftem langsam ein emphatischer Ton herauspellte. Oder wie Letzbor in der Sonate „Kreuzigung Jesu“, befeuert von den trockenen Akkordschlägen seiner vierköpfigen Begleitband, die Saiten überraschend harsch anriss: Man assoziierte Geißelschläge, in den dazwischengeschalteten ariosen Tönen Schmerz und Leid des Sterbenden und in der rasend schnell gefetzten, flächenhaften Akkordik das Beben der Erde, das nach dem Evangelisten Matthäus auf Jesu Tod gefolgt ist.

Bis ins Detail ausdrucksvoll gestaltete Letzbor auch die monumentalePassacaglia für Violine allein, mit der Biber den außergewöhnlichen Zyklus beschloss und der dem Fest des heiligen Schutzengels gewidmet ist.