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Seufzen, Sehnen, Singen

Stuttgarter Nachrichten | Susanne Benda

Passion als Erregungszusta

„Was ist Wahrheit?“, fragt Pilatus. Die Frage könnte man auch an die Musik des Schotten John MacMillan richten. Was ist hier Wahrheit? Zumindest in der erst acht Jahre alten Johannespassion („St. John Passion“) des 1959 geborenen Komponisten liegen unterschiedlichste musikalische Sprachen, unterschiedlichste Haltungen und Ausdrucksmöglichkeiten dicht nebeneinander. Das Pathos grellglänzender Blechbläserakkorde sprengt, als Jörg-Hannes Hahn das Stück dirigiert, schier die akustischen Dimensionen der Bad Cannstatter Lutherkirche. Daneben finden sich aber auch Momente von tiefster Innigkeit. Einer moderat geschärften Harmonik auf der einen steht viel tonale Musik auf der anderen Seite gegenüber, und wenn das Stück, immer changierend zwischen expressiver Äußerlichkeit und intimer Verinnerlichung, nach allerlei Anleihen bei älterer Musik von der Gregorianik bis zu schottischer Volksmusik schließlich mit einem wortlosen Orchester-Gebet schließt, dann haben sogar Richard Wagners prominente Operntote Isolde (mit einem „Tristan-Akkord“, der immer nur fast erreicht wird) und Siegfried (mit den markanten Paukenschlägen) zwischenzeitlich ausgiebig vorbeigeschaut.

Der Bariton Wolfgang Newerla gibt in der einzigen Solopartie des Stücks einen Christus im Zustand permanenter, hoch nervöser Erregung, und überhaupt liegt während der gesamten Aufführung hohe Spannung im Raum. Dass sich diese sehr unmittelbar und packend mitteilt, ist der sauber und prägnant spielenden Württembergischen Philharmonie Reutlingen ebenso geschuldet wie dem Bachchor Stuttgart, der am Karfreitag exzellent präpariert ist und in dieser Form nicht nur die wirkungsvollen Volkschöre, sondern auch alle anderen Solopartien des Stücks glänzend meistert.

Der Sindelfinger Kammerchor braucht bei den heiklen ein- und gleichstimmigen Passagen des Evangelisten, die er im Kollektiv zu singen hat, ein wenig Zeit, um zu guter Koordination und präziser Intonation zu finden, macht seine Sache dann aber gut. Interessant sind MacMillans eigenwillige Pietà-Episoden, die auch ein wunderschönes „Lullaby“-Wiegenlied enthalten. Weniger interessant wirkt hingegen der Tänzer Gilles Welinski, der als eine Art Christus-Double, womöglich auch als ein befremdeter und unbeachteter Betrachter ohne wirklichen Mehrgewinn, staunend in härenem Gewand durch die Reihen schreitet. Innere Wahrheit hätte die „St. John Passion“ gewiss auch ohne ihn gehabt.