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Uraufführung der "Grauen Passion"

Stuttgarter Zeitung | Verena Großkreutz

Klackende Ratschen, bebendes Donnerblech

Stuttgart - Statuarisch, steinfarben, äschern, beklemmend, schicksalhaft - das ist die visuelle Wirkung der zwölf Altarbilder, in denen der Nürnberger Hans Holbein d. Ä. um 1500 den Leidensweg Christi malerisch eingefroren hat: ein Meisterwerk aus dem süddeutschen Herbst des Mittelalters, das heute wegen seiner Farbgebung „Graue Passion“ genannt wird. Sie wurde 2003 von der Stuttgarter Staatsgalerie erworben und dann aufwendig restauriert.

Die „Graue Passion“ steht jetzt im Mittelpunkt eines gleichnamigen Oratoriums. Textgrundlage: Fragmente einer mittelhochdeutschen Passionsversion in alemannisch-schwäbischem Dialekt. Klaus Sebastian Dreher hat sie komponiert, und sie wurde nun in der proppevollen Stadtkirche Bad Cannstatt in der Leitung von Kirchenmusikdirektor Jörg-Hannes Hahn im Rahmen der Konzertreihe „Musik am 13.“ uraufgeführt. 90 kurzweilige Minuten erlebte das Publikum, denn Dreher ist Schlagzeugprofessor an der Stuttgarter Musikhochschule und kennt daher alle klanglichen Finessen des perkussiven Instrumentariums. Seine musikalische Umsetzung des Passionsstoffes - vom Judaskuss bis zur Grablegung - entflammt daher vor allem an der riesigen Klangwelt des Schlagwerks: Effektinstrumente wie klackende Ratschen und dramatisch bebendes Donnerblech, Glöckchen und quirlige Stabspiele wie Vibraphon und Marimba, donnernde Pauken grundieren das Geschehen.

Schrittgeräusche auf Kieselsäcken

Und die Kantorei des Kooperationspartners Stiftskirche Tübingen und der Bachchor Stuttgart, die im Auditorium, also auf den Kirchenbänken, positioniert sind, sorgen neben ihren Volkschor-Aufgaben samt „Cruzege, Cruzege disen“-Rufe für dramatisch malende Details: Sie imitieren - auf kieselgefüllte Säcke tretend - die Schritt-geräusche beim Gang nach Golgatha oder schlagen Bambusstangen aufeinander, die die Geißelschläge der Christus-Quäler nachahmen. Vertonungen solcherart halten ihre Zuhörerschaft bei Laune. Der Kammerchor Cantus Stuttgart, der frontal aufgestellt ist, geht da ein bisschen unter. Klangliche Errungenschaften neuer Vokaltechniken gesteht ihm die Komposition nicht zu.

Er dient vor allem der Stützung und speziellen Einfärbungen des Sologesangs: Mit warmem, klangschönem Bass-Bariton deklamiert Frank Wörner als Evangelist den Passionstext, mal im Sing-, mal im Sprechmodus. Und Sopranistin Christie Finn singt erhaben-einfühlsam die Christuspartie - darunter auch „Die sieben letzten Worte“. Der Kinderchor der Hymnus-Chorknaben (Leitung: Ingo Bredenbach) wirkt dagegen etwas unterfordert. Dreher gelang es eindrücklich, die Stimmungen und Farben der Kreuzweg-Bilder in der Instrumentierung aufgehen zu lassen. Neben dem vierköpfigen Perkussionsensemble sorgen ein Posaunen- und ein Flötenquartett für eine kühle, metallische, manchmal säbelrasselnde Klanglichkeit. Nur zwei Streicher - Violine und Cello - kommen zum Einsatz, vor allem fürs expressiv-lyrische Leid. Statt der Auferstehung gibt es am Ende ein Kyrie: Fragmente aus dem Kirchenlied „O Haupt voll Blut und Wunden“. Zerbrechlich verebbt die Passion in Steineklacken.