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Wir veröffentlichen Pressestimmen zu den Veranstaltungen der Reihe Musik am 13. mit freundlicher Genehmigung der genannten Medien.

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Von Tod und Leben

Esslinger / Cannstatter Zeitung | Dietholf Zerweck

Beethovens "Missa solemnis" und die "Funeral Sentences" von Gérard Pape bei "Musik am 13."

Stuttgart – Das Novemberkonzert der Cannstatter Reihe „Musik am 13.“ fiel auf ein besonderes Datum: Vor einem Jahr, am 13. November 2015, war es in Paris zu jener Serie von islamistischen Terroranschlägen gekommen, die 130 Todesopfer und mehr als 300 Verletzte forderten. So war das Konzert in der Cannstatter Lutherkirche dem Gedenken an die Attentate gewidmet, und Jörg-Hannes Hahn stellte ein Werk des in Paris lebenden Komponisten Gérard Pape in die Mitte von Ludwig van Beethovens „Missa solemnis“. Ein Experiment als Wagnis, welches von den Zuhörern mit großer Zustimmung aufgenommen wurde: Der ganze Mittelgang der Kirche war von einem Dutzend Percussion-Instrumenten erfüllt, die bei Papes „Funeral Sentences“ für Sopran, Mezzosopran und Schlagzeug in Aktion traten. Hier, zwischen dem monumentalen Credo der Beethovenschen „Missa“ und dessen vielschichtig nachdenklichem Sanctus und Agnus Dei war Papes 1998 uraufgeführte Komposition ein verstörender, doch zugleich meditativer Ruhepunkt.

Starke Kontraste

Der hundertstimmige Bachchor Stuttgart, davor die Württembergische Philharmonie Reutlingen im Altarraum der Lutherkirche versammelt: In der nachhallenden Akustik war das für die Aufführung von Beethovens „Missa solemnis“ eine starke Herausforderung, der sich die Sängerinnen und Sänger mit erstaunlicher Homogenität und hellwacher Artikulation stellten. Zwischen Chor und Orchester sorgte Jörg-Hannes Hahn als Dirigent für eine meist ausgeglichene Balance, im „Gloria“ gab es markante Kontraste zwischen ekstatischemAufruhr, weich intoniertem „Pax hominibus“ der Frauenstimmen und souverän ausgeführten Chorfugen. Das Solistenquartett, ebenfalls hinter dem Orchester in der ersten Reihe des Chors platziert,neigte schon im „Kyrie“ zum Forcieren, was besonders dem gepresst klingenden Tenor Ferdinand von Bothmer und der öfters etwas zu tief intonierenden Sopranistin Katharina Leitgeb Schwierigkeiten machte. Stephanie Atanasov (Mezzosopran) und Simon Bailey (Bass) gestalteten ihre Partien solide. Auch das „Credo“ wirkte durch die Monumentalität und den Wechsel der Stimmungen, die in Beethovens oratorischer Anlage gegenüber den traditionell liturgischen Messe-Kompositionen eine entscheidende Rolle spielen. Beeindruckend gelang der A-cappella-Chor des „Et resurrexit tertia die“ und das visionäre „Et vita venturi saeculi“ mit dem „Amen“-Schlusspunkt dieses Satzes.

Im Anschluss Gérard Papes „Funeral Sentences“: Flehend, schreiend, von den Schwingungen des Vibraphons getragen, beginnen Johanna Vargas und Viktoriia Vitrenko ihren vierteltönigen Klagegesang, mit Paukendonner, Klappern und Tambourin setzt Lucas Gérin einen Trauermarsch dagegen, das „Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen“ steigert sich zu theatralischer Beschwörung, mit Gongs und Peitschenschlägen wird die „Auferstehung der Toten“ zum perkussiven Drama, und Elizabeth Fryes von Naturbildern durchdrungenes Poem „Do not stand at my grave and weep“ ist eindringlichster Sirenengesang. Das von Purcells „Funeral Sentences“ inspirierte Werk des 61-jährigen amerikanischen Psychoanalytikers und Direktors des Pariser Center for the Composition of Music Iannis Xenakis besitzt eine musiktheatralische Ausstrahlung, die von den drei Masterstudenten der Stuttgarter Musikhochschule eindrucksvoll realisiert wurde.

Dramatisches „Agnus Dei“

Mit den einleitenden Orchestertakten des „Sanctus“ kehrte die Aufführung zurück in die Gegenwelt des Beethovenschen Kosmos: Gedankenvolldie „Heilig“-Rufe, ein sinfonisches Praeludium zum „Benedictus“, wo Teruyoshi Shiratas Solovioline als Protagonistin dessen „Der da kommt im Namen des Herrn“ mit schönem, charaktervollem Ton in Erscheinung trat. Unerhört dramatisch dann das abschließende Agnus Dei“: Mächtig anschwellend der Chor zur Friedensbitte des „Dona nobis pacem“, wo Beethoven plötzlich Militärtrommeln und Trompeten einführt und wiederholt Schlachtenlärm dieses feierliche Ende zu vernichten droht. Hier erreichte die Aufführung in der Leitung von Jörg-Hannes Hahn eine berührende Intensität.