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Zweifel angesichts eines schweigenden Gottes

Stuttgarter Nachrichten | Verena Großkreutz

Bachs „Johannes-Passion“ mit zeitgenössischen Tönen

Die Cannstatter Lutherkirche platzte am Karfreitag-Nachmittag aus allen Nähten, als Kirchenkreiskantor Jörg-Hannes Hahn den Einsatz gab zu Bachs „Johannes-Passion“. Der Bachchor begann etwas unsicher, steigerte sich aber im Laufe des Konzerts. Vor allem in den Chorälen fand man zu einem kräftig- reinen Klang zusammen, lustvoll stürzte man sich in die grellen Turba-Chöre. Weniger überzeugend, weil zu diffus phrasierend, agierte das klein besetzte Instrumentalensemble um Konzertmeister Ben Hudson. Unter den Gesangssolisten überzeugte Tenor Dávid Szigetvári als Evangelist. Mit entspannter Höhe und kraftvoller, sehr deutlich artikulierender Stimme verwandelte er den Passionsbericht in einen Krimi.

Jörg-Hannes Hahn hatte sich für dieses Konzert dramaturgisch etwas Kluges einfallen lassen. Kurz vor Jesu Tod hielt er die Zeit an: Es erklang die „Monodia“ nach Psalm 22 von Alexander Knaifel (Jahrgang 1943). Anrührend und mit glasklarer Höhe interpretierte die blinde Sopranistin Gerlinde Sämann diesen A-cappella-Sologesang, der den Seelenzustand eines Menschen in größter Not in Töne zu fassen sucht. Und äußerste Verzweiflung, ja Zweifel ausdrückt angesichts eines schweigenden Gottes. Etwas, das weder Johannes noch Bach schon offen zulassen konnten.