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Für den Chor so anspruchsvoll wie dankbar


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15. Komponistenportrait mit Peteris Vasks in der Stadtkirche

Der Kammerchor Cantus Stuttgart, Foto: Victor S. Brigola

Beinahe war es ein Geburtstagsgeschenk: Am 16. April wird Peteris Vasks, der in der Stadtkirche persönlich anwesend war, 72 Jahre alt. Im Dialog mit Björn Gottstein gab der lettische Komponist Einblick in die Entstehung der fünf Werke des Programms, die einen Bogen von fast 40 Jahren spannten. Deutlich wurde dabei auch, wie eng Musik und Biographie bei Vasks miteinander verwoben sind.

Als frühestes Werk erklang „Gramata cellam" („Das Buch") für Cello von 1978, konzentriert vorgetragen von Detmar Leertouwer. Der erste Teil des Stückes ist energiereich, aggressiv, schnell und dissonant, der zweite hingegen elegisch, zart, von tiefen Orgelpunkten durchzogen - und überrascht mit einer Verschmelzung von Obertönen des Cellos mit gepfiffenen Tönen des Interpreten. Vasks wies auf den Einfluss der damaligen polnischen Avantgarde hin und erklärte, in seiner heutigen Musik würde man nur noch den zweiten Teil finden - das Elegische, Hingebungsvolle, Positive.

„Musica seria", entstanden 1988 bei einem Besuch in der DDR, beschrieb der Komponist als die Darstellung einer Umweltkatastrophe und „dunkel" - man konnte es als eine Distanzierung verstehen. Was Yeri Ahn dann an der Orgel zu Gehör brachte, erwies sich als eine kontrast- und farbenreiche Musik, die gekonnt mit den Registern des Instrumentes spielt und aus unterschiedlichsten Klängen und Texturen 15 spannende Minuten formt.

Die drei übrigen Werke des Konzertes entstanden nach dem großen Epochenbruch 1990 und dem Ende der Sowjetherrschaft über Lettland. An ihnen konnte man den stilistischen Wandel von Vasks' Musik gut nachvollziehen. Im „Adagio" von 1995/96 für Streichorchester klingt die spannungsreiche Tonalität des späten Mahler an. Das Stück endet jedoch ohne Auflösung, gleichsam wie eine Frage. In der ausdrucksvollen Interpretation des Südwestdeutschen Kammerorchesters wurde hörbar, wie sehr die Musik von Vasks, der selbst Kontrabassist ist, vom expressiven Klang der Streichinstrumente lebt.

Diesen Klang verglich Vasks mit der menschlichen Stimme, die in der Musik des Baltikums eine zentrale Rolle spielt. Die beiden jüngsten Werke im Programm waren denn auch Chorkompositionen. Die „Missa" (2000/05), mehr noch aber „The Fruit of Silence" (2014) sind ungebrochen tonal und in geradezu altmeisterlichem Tonsatz komponiert - für den Chor ebenso anspruchsvoll wie dankbar. Hier hörte man wohl uneingeschränkt das, was der Komponist als „das Positive" in seiner Musik bezeichnet. Man konnte sich allerdings fragen, ob ihr auf dem Weg dorthin nicht etwas Wesentliches verloren gegangen ist. In beiden Stücken überzeugte der Cantus Stuttgart unter Leitung von Jörg Hannes Hahn mit kraftvoller Disziplin.


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