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Facetten und Persönlichkeiten


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Isabelle Demers und Andrew Dewar beim Zyklus „Sommer! Orgel 2018“ in der Stadtkirche

Der Organist Andrew Dewar spielte in der Stadtkirche

Isabelle Demers gilt als ein Jahrhunderttalent: Die Franko-Kanadierin erwarb 2006 ihren Organ-Master an der New Yorker Juillard School und ist inzwischen als Professorin für Orgel und Leiterin des Orgelprogramms an der Baylor University in Texas tätig. Sie begeisterte im letzten Jahr schon im Freiburger Münster als ausdrucksstarke Orgelvirtuosin. Nun spielte sie in der gotischen Stadtkirche ein bravouröses, abwechslungsreiches Programm. Verblüffend für eine Konzertsolistin auf diesem Instrument: Alle Werke spielt sie ohne Noten auswendig, und auf der dreimanualigen Walcker-Orgel braucht sie keinen Assistenten, um die vielen Registerwechsel innerhalb der einzelnen Stücke zu bewältigen. Es war eine bewundernswerte logistische Gedächtnisleistung, aber – viel wichtiger noch – ein stilistisch und gestalterisch überragendes Konzert.

Charles-Marie Widors Allegro Vivace aus seiner 5. Orgelsinfonie klingt zu Beginn wie ein Harmonium, doch in den Variationen dominieren die Labialstimmen im Oberwerk mit aparten Registerfärbungen, und das Choralthema wird mit profunden Prinzipalpfeifen angestimmt. Scharf werden die Synkopen des rhythmischen Themas skandiert, doch im federnden Spiel von Isabelle Demers schwingt bei dem 1844 in Lyon geborenen französischen Orgelmeister auch etwas von Mendelssohnscher Naturromantik mit. Sehr filigran gestaltet Demers im Kontrast dazu Johann Sebastian Bachs Trio-Sonate c-Moll, besonders ausdrucksvoll phrasiert im Largo-Mittelsatz. Und bei César Francks gerne gespieltem „Prélude, Fugue et Variations“ bildet das Oboen-Soloregister eine stimmungsvolle Einleitung zur strengen Fuge, die sich dann bei der Wiederkehr des Solothemas in perlenden Verzierungen auflöst.

Interessantestes Werk im Programm waren die „Cinq Versets“ über den Pfingsthymnus „Veni creator spiritus“ von Jean-Baptiste Robin: Der 1976 geborene Organist an der Schlosskapelle von Versailles porträtiert den Schöpfergeist in fünf Erscheinungen, die im höchst virtuosen Spiel von Isabelle Demers starke, greifbare Anschaulichkeit erreichen. Von ganz oben fallen im „Ciel éternel“ silbrige Strahlen in eine düstere Klanglandschaft, hellen sie auf und entfernen sich wieder zu lichter Transzendenz. Spektakuläre Klang-Cluster und Minimal-Music-Strukturen wirbeln im „Flamboiement“, furios bewegt ist „Le Temps qui danse“, im „Au-delà“ (darüber hinaus) öffnet sich der musikalische Ausdruck zur Meditation. Im abschließenden „Veni Creator Spiritus“ bersten höchst komplexe Strahlenbündel in fluktuierender Bewegung und gleißenden Mixturen. Der Beifall in der gut besuchten Cannstatter Stadtkirche wollte kein Ende nehmen.

Andrew Dewar, nach seinen Studien an der Wells Cathedral School Meisterschüler bei Ludger Lohmann an der Stuttgarter Musikhochschule und nach zahlreichen Preisen (wie zum Beispiel beim Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Wettbewerb in Berlin) seit 2010 Titularorganist der American Cathedral in Paris, galt schon früh als hoch begabt für die Königin der Instrumente. Mit sieben Jahren erhielt er seinen ersten Orgelunterricht und war schon als Neunjähriger Organist der St.Mary’s Church in seinem Heimatort Yeovil in Somerset.

Dass Dewar mit der 1887 gebauten, spätromantischen Cavaillé-Coll-Orgel in Paris eines der größten Instrumente seiner Art zur Verfügung steht, spürte man einen Sonntag später bei seinem Konzert in der Cannstatter Stadtkirche an der Registrierung. Bei Johann Sebastian Bachs „Fantasie und Fuge g-Moll“ zum Auftakt war der erste Teil durch starke Kontraste der Labial- und Zungenpfeifen gekennzeichnet, die im Tempo unruhig bewegte Fuge tönte vollmundig. Bei César Francks „Fantaisie A-Dur“ ließ Andrew Dewar das Kopfthema in grellen Kombinationen dröhnen, die prächtige Klangarchitektur wurde durch stetiges Auf- und Abschwellen mit teilweise abrupten Übergängen aufgelöst. Überzeugender gestaltete der Organist Josef Gabriel Rheinbergers 1893 komponierte Sonate für Orgel gis-Moll: Melodisch volkstonhaft mit Streicherregistern und hymnischen Mixturen im Allegro, volkstümlich „skandinavisch“ im Mittelsatz und mit farbigen Registerwechseln im Schlussteil der „Introduktion und Fuge“. Als virtuoses Feuerwerk flammten schließlich die „Feuerzungen“ des 1949 geborenen Schweizer Orgelvirtuosen Carl Rütti.


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