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Klanggemälde mit der Ausdruckskraft barocker Kirchenräume


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Gunar Letzbor und Ars Antiqua Austria vollenden den Zyklus von Bibers Rosenkranz-Sonaten

Der Geiger Gunar Letzbor, Foto: Georg Thum
Der Geiger Gunar Letzbor, Foto: Georg Thum

Wir Heutige reichen kaum an die Dimensionen und Gefühlswelten heran, in denen sich vor über dreihundert Jahren die mystische Versenkung in die Mysterien vom Leben, Leiden und Auferstehen Jesu vollzog, die Gegenstand der einzelnen Abschnitte des Rosen­kranz­gebetes sind. Die meisterhafte Darbietung der sogenannten Rosenkranz- oder auch Mysterien­sonaten des Barock­komponisten Heinrich Ignaz Franz Biber durch Gunar Letzbor und sein Ensemble Ars Antiqua Austria konnte immerhin eine Ahnung davon vermitteln.

Mit dem Konzert in der gut besuchten Cannstatter Stadtkirche wurde die Aufführung eines der ungewöhnlichsten Kompositions­zyklen des 17. Jahrhunderts und der Musikgeschichte überhaupt vollendet. Vor zwei Jahren schon war das Spitzenensemble aus Österreich mit seinem phänomenalen Violinisten und ebendiesem Werk in der Musik am 13. zu Gast gewesen. Jetzt setzte es das Gastspiel fort und brachte die letzten sechs Sonaten des Zyklus zu Gehör. Die Zuhörer folgten gebannt den Phrasierungen und Akzentuierungen, dem gestalteten Fluss und den dramatischen Pausen des Solisten und hingen an jedem einzelnen seiner Bogenhaare. An seinen Lippen auch, denn Gunar Letzbor erläuterte die musikalische Symbolik, die Biber für seine christliche Instrumentalmusik in Zeiten von Gegen­reformation und Türken­belagerung einsetzte. Das sinnfälligste Beispiel hierfür ist sicher die Vertauschung der beiden mittleren Saiten der Violine in der elften Sonate, so dass zwischen Steg und Saitenhalter ein Kreuz sichtbar wird.

Die Skordatur, also das Umstimmen der Saiten, und zwar in unterschiedliche Stimmungen für jede einzelne Sonate, ist ein Charakteristikum von Bibers Rosenkranz-Zyklus. Dass der Komponist hiermit nicht bloßer Exzentrizität frönte, sondern Glaubens­inhalte vermitteln wollte, erläuterte Letzbor: Weil durch die Skordatur das Klangbild vom Notenbild abweicht, lerne der Gläubige, sich zurückzunehmen und den unvorherseh­baren Wegen Gottes anzuvertrauen. Das Zurückhaltende von Letzbors stupender Virtuosität, die sich ganz in den Dienst der Musik stellte, bezeugte dies nicht minder eindrucksvoll.

Auch dank der hervorragenden Continuo-Gruppe (Bass de Viole: Peter Trefflinger, Barockgitarre: Daniel Oman, Theorbe: Hubert Hoffmann, Orgel und Cembalo: Sergej Tcherepanov) entstanden vor dem inneren Auge des Zuhörers Klanggemälde, die der Ausdruckskraft barocker Kirchenräume in nichts nachstanden. Aus einem einzigen liegenden Orgelton entwickelte sich in der elften, der Auferstehungs-Sonate, ähnlich wie in Wagners Rheingold-Vorspiel, eine ganze neue Welt. Die vierzehnte Sonate zur Aufnahme Mariä in den Himmel mündete in eine Gigue, deren munterer Dreivierteltakt in der Interpretation der Musiker ganz so klang, als tanze Maria zu ihrem Empfang im Himmel mit den Engeln einen Ländler.


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