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Nicht nur Bässe sind schuldig


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Martin Wistinghausen mit einem Soloprogramm neuer Musik zu „De profundis“

Foto: Pixabay
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Der Bass als Vertreter der gläubigen Menschheit, die aus den Tiefen zum Herrn um Gnade und Erlösung fleht – diesen Deutungsansatz bot Jan Kopp in seiner Einführung zum jüngsten Konzert der „Musik am 13.“. Es war mehr als ein hübsches Aperçu, denn die Idee, einen ganzen Abend mit Werken zum Thema „De profundis“ von einer Solo-Bassstimme gestalten zu lassen, hat dramaturgisch überzeugt. Der 130. Psalm „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir“ war Ausgangs- und Angelpunkt eines Konzerts mit neuer Musik, die sich mal mehr, mal weniger direkt, aber immer schlüssig auf diesen bekannten Bußpsalm bezog.

Sehr neue Musik war es sogar: Mit Ausnahme zweier Sätze aus Giacinto Scelsis „Wo-Ma“ von 1960 stammten alle Kompositionen aus diesem Jahrhundert, selbst eine Uraufführung war dabei. Der Sänger und Komponist Martin Wistinghausen hat eine abwechslungsreiche Werkfolge zusammengestellt, die auch eine eigene Komposition nach Trakls Gedicht „De profundis“ einschloss. Wistinghausen, der Komposition bei Ulrich Leyendecker sowie Adriana Hölszky und Gesang bei Kurt Moll sowie Rudolf Piernay studierte, hat eine schöne, volle und kultivierte Bassstimme, die er vielseitig einzusetzen weiß. Klangliche Extreme mied er etwas zu vorsichtig, sie wurden von den dargebotenen Kompositionen allerdings auch nicht wirklich herausgefordert. Hauchen, Sprechen, Stampfen, Klatschen, in diese Richtungen war die Ausdruckspalette über reinen Gesang hinaus erweitert. Ebenfalls zum Einsatz kam eine indische Handorgel, Shruti-Box genannt.

Das „Nocturne“ von Matthias S. Krüger nahm Bezug auf Goethes Verse „Über allen Gipfeln ist Ruh“ als inhaltliches Gegenstück zum Psalm-Text. Das Gedicht wurde in Laute und Geräusche zerlegt, die Stimme, ganz wörtlich, zum im Gedicht benannten „Hauch“. Das uraufgeführte Werk „shift 3 – nowhere near (5 exercises to keep yourself busy)“ von Erich S. Hermann verlangte auch gestische Aktionen vom Sänger. Wie Hermann verwendete Jan Kopp in seinem „De profundis“ – das erst dieses Frühjahr in Berlin von Wistinghausen zur Uraufführung gebracht worden war – ein Zuspielband. Es ermöglichte einen reizvollen Dialog der Stimme mit sich selbst, erzeugte stellenweise durch Betonungen und Wiederholungen einen schwingenden Rhythmus.

Eingerahmt wurden die zeitgenössischen Kompositionen durch den Vortrag der gleichsam „originalen“ mittelalterlichen Psalmvertonung, die als Zitat gelegentlich auch in den modernen Werken aufschien. Indem Wistinghausen das eingangs vollständig dargebotene gregorianische „De profundis“ am Ende wieder aufnahm, aber durch ein „Lux aeterna“ und „Gloria“ ergänzte, verlieh er seinem Vortrag eine auch theologisch bedeutsame Aussage. Vor dem hell erleuchteten gotischen Chor der Cannstatter Stadtkirche war man gerne bereit ihm zu folgen.


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