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Reich und bereichernd


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Kantaten und Kammermusik von Telemann in der Stadtkirche

Der Lautenist Johannes Vogt
Der Lautenist Johannes Vogt

Fließbandmusik – noch immer fällt das böse Wort, wenn es um Werke von Georg Philipp Telemann geht. Vor allem die auf das Genie fixierten Musikhistoriker des 19. Jahrhunderts konnten mit dem hoch angesehenen und geschäftlich erfolgreichen Hamburger Musikdirektor, einem Kollegen und Bekannten von Johann Sebastian Bach, nichts anfangen: Zu leicht gingen ihm seine mehr als dreieinhalbtausend Werke – unter anderem Opern, Suiten, Sinfonien – von der Hand.

Am wichtigsten war Telemann allerdings die Kirchenmusik, sie hat er nach eigenen Worten zeitlebens „am meisten werth geschätzet“. 1725 erschien in Hamburg sein „Harmonischer Gottesdienst“, ein 72-teiliger Solokantatenzyklus für die Sonn- und Feiertage des Lutherischen Kirchenjahres in kammermusikalischer Besetzung, den Telemann einige Jahre später um weitere Kantaten ergänzte. Ihnen war das erste Konzert des Jahres 2018 der Reihe „Musik am 13.“ in der Stadtkirche Bad Cannstatt gewidmet. Kantor Jörg-Hannes Hahn, der am Orgelpositiv zusammen mit einem kleinen Ensemble die Sopranistin Maria Palaska begleitete, hatte sorgsam ein Programm aus Kantaten rund um den Jahreswechsel und Kammermusikwerken zusammen gestellt. Dramaturgisch geschickt dazwischen platziert waren eins von Telemanns meisterlichen Pariser Quartetten von 1738 und zwei Sätze seines Flötenkonzerts G-Dur in Kammerfassung.

Und wirklich, der Funke sprang über: Telemanns plastische, fast tonmalerische Affekt- und Wortausdeutung in den Kantaten, das stellenweise virtuose Spiel zwischen Singstimme und Soloinstrumenten, die teilweise kühnen Harmonien: Das alles fesselte. Aber eine kleine Besetzung – Solostimme, dreiköpfige Generalbassgruppe aus Orgel, Laute und Gambe, Soloflöte und -violine – hat eben auch ihre Tücken, es lässt sich nichts verbergen.

Federnd und transparent geleiteten Jörg-Hannes Hahn, die vorzügliche Gambistin Heike Hümmer und Lautenist Johannes Vogt die Solisten. Unter ihnen trat vor allem Natalia Gerakis mit stupender Technik und leuchtendem Flötenton heraus, in delikatem Zusammenspiel mit der Violine von Lukas Friederich – er tat sich bei aller routinierten Sicherheit mit den Anforderungen der barocken Phrasierung und Tongestaltung nicht leicht. Sopranistin Maria Palaska dagegen brauchte einige Zeit, um ihren schlanken, weichen Sopran den hohen Anforderungen an Beweglichkeit und Textdeutlichkeit anzupassen, den vor allem Telemanns erster Zyklus des „Harmonischer Gottesdienstes“ mit seinen langen rezitativischen Betrachtungen vom Interpreten verlangt.

Was aber trotzdem im Ohr bleibt, sind Telemanns melodischer und harmonischer Erfindungsreichtum und die sich unmittelbar erschließende Affektsprache seiner geistlichen Vokalmusik. Insgesamt ein lohnender Abend, vom zahlreich erschienenen Publikum mit warmem Applaus bedacht.


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