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Über das Gewohnte hinaus


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Cantus Stuttgart mit späten Werken von Johannes Brahms in der Stadtkirche

Cantus Stuttgart, Foto:Roberto Bulgrin

Was das zahlreich erschienene Publikum in der Stadtkirche Bad Cannstatt erwartete, waren drei Vokalwerke von Johannes Brahms, die allesamt nicht in ihrer Originalgestalt erklangen, sondern mehr oder weniger stark bearbeitet. "Nänie" op. 82 und "Schicksalslied" op. 54, die das Konzertprogramm einrahmten, sind ursprünglich für Chor und Orchester komponiert. Beiden Werken liegen Texte über Vergänglichkeit zugrunde (hier des Menschen, dort des Schönen), beide haben im Original einen elegischen, von dunklen Orchesterfarben geprägten Klang. Im Konzert waren sie in Fassungen mit Klavier zu hören.

Für "Nänie" hatte Jörg Hannes Hahn die Klavierversion vom Komponisten selbst gewählt. Während der Chor in der Originalfassung in einen farbenreichen Orchesterklang eingebettet ist, tritt er gegenüber dem Klavier deutlich in den Vordergrund. Hier ist es der Chor, der die Farben liefert - was der Cantus Stuttgart präzise artikuliert und nuancenreich tat. Der Pianist seinerseits kann als alleiniger Begleiter flexibler agieren als ein Orchester, wie Lars Jönsson am Klavier vor allem in den rein instrumentalen Passagen bewies.

Das "Schicksalslied" wurde in einer Fassung von Karsten Gundermann mit Klavier vierhändig als Stuttgarter Erstaufführung gespielt. Die zwei Pianisten erlauben zwar mehr instrumentale Klangfülle, was sich aber als zwiespältig erwies. Während das Klavier insbesondere im bewegten Mittelteil gut mit dem Chor verschmolz, klang es in den langsamen Passagen bisweilen eher, als würde der Orchestersatz möglichst originalgetreu ausbuchstabiert.

Genau umgekehrt geht der Berliner Komponist Heribert Breuer, der auch eine Konzerteinführung gab, in seiner Bearbeitung der "Vier ernsten Gesänge" op. 121 vor. Den Klavierpart der vier Lieder auf biblische Texte verwandelt er in einen Chorsatz, dem er eine Klarinette hinzufügt. Während er dem Chor Linien anvertraut, die er aus dem Klaviersatz von Brahms gewinnt, sorgt die Klarinette für jene rhythmische Beweglichkeit, die den Singstimmen nicht möglich ist. Klanglich verbinden sich Chor und Blasinstrument hervorragend und bilden einen facettenreichen Widerpart für den Solo-Bariton, den Breuer unverändert aus den Klavierliedern übernimmt. Johannes Mooser sang diese Partie ausdrucksstark, in der Agogik bisweilen etwas unwirsch.

Unterbrochen wurden die drei Vokalwerke von Brahms durch "Bruchstücke" des 1973 geborenen Münchner Komponisten Jörg Widmann für Klarinette und Klavier. Die Stücke boten auf engstem Raum eine große Bandbreite an Ausdruckscharakteren und Spieltechniken, virtuos dargeboten von Norbert Kaiser, die ihre Entsprechung in einem Klavierpart fanden, der auch Zupfen auf den Saiten, Fingerschnippen und Vokalaktionen umfasst. Den ungewohnten Perspektiven auf die Werke von Brahms standen hier musikalische Fragmente gegenüber, die größere Formen eher andeuten als ausformulieren. Ein Konzertabend voller Angebote, Musik anders zu hören und über das Gewohnte hinaus weiterzudenken.


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