„Verwegner Dorn, barbarsche Spitzen“
300 Jahre nach ihrer Uraufführung am Karfreitag 1725 in der Gothaer Schlosskapelle hat Jörg-Hannes Hahn mit Bachchor und Bachorchester Stuttgart die lange verschollene und selten gespielte „Brockes-Passion“ von Gottfried Heinrich Stölzel aufgeführt: eine musikalisch hochinteressante Begegnung. Stölzel war ein etablierter Zeitgenosse Johann Sebastian Bachs, dreißig Jahre seines Lebens Hofkapellmeister im mitteldeutschen Gotha, von dessen Opern, Messen, Oratorien, 600 Kantaten und Instrumentalmusik das meiste verloren ist.
Seit der Wiederentdeckung der Passion Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende Jesus gilt das Werk, auch wegen seines dichterisch hochwertigen Librettos von Barthold Heinrich Brockes (Irdisches Vergnügen in Gott), als interessantes Gegenstück zu Bachs Passionen. 1870 wurde das Notenmaterial unter der Orgelbank der Hofkapelle in Sondershausen gefunden, erst Ende des 20. Jahrhunderts kam es zur ersten Wiederaufführung, in der „Stuttgarter Fassung“ des Bachorchester-Cembalisten Tim Krüger hat es nun Jörg-Hannes Hahn in der Cannstatter Lutherkirche am Karfreitag musiziert.
Ähnlich wie in Bachs Passionen führt ein Erzähler durch die biblische Handlung, doch Brockes dichtet einen aus den vier Evangelien zusammengefassten und ausgeschmückten, rhythmisierten und teilweise gereimten Text, der vor Stölzel auch schon unter anderem von Händel und Telemann vertont wurde. Mit sprachlicher Wucht und drastischer Einbildungskraft kommt Jesu Leiden und Sterben zur Darstellung, in den mehr als zwei Dutzend Arien der biblischen Protagonisten und der beiden allegorischen Figuren der „Tochter Zion“ und der „Gläubigen Seele“ wird reflektiert und mitgefühlt. In epischer Ausführlichkeit wird das von der Musik zuweilen ausgeführt: In der Verhaftungsszene und der Verleugnung Christi rückt Petrus mit Rezitativen und Arien in den Mittelpunkt, sie werden mit Solovioline, Oboe und Gambe konzertierend begleitet. Der Reue des Judas gilt eine Folge von Accompagnato, Arie, Rezitativ samt Arie der Gläubigen Seele, die dann schlussfolgert: „Die ihr Gottes Gnad versäumet / und mit Sünden Sünden häuft, / denket, dass die Straf schon keimet, / wenn die Frucht der Sünden reift.“ Und in der Dornenkronenepisode kommen die Töchter Zions erst abwechselnd mit Arien und Rezitativen, dann im Duett mit quälenden Bildern und empfindsamen Instrumentalsoli zu Wort: „Verwegner Dorn, barbarsche Spitzen, / verwildert Mordgesträuch, halt ein! / Soll dieses Hauptes Elfenbein / dein spröder Stachel ganz zerritzen?“
Die beiden Sopranistinnen Inma Férez und Joowon Chung (mit feiner Kantilene und Phrasierung) sangen diesen Part, der Altus Alexander Schneider teilte sich mit ihnen die Rolle der Gläubigen Seele. Verwirrender und teilweise gegen die Dramaturgie waren die Einsätze des klar artikulierenden Tenors Lars Tappert, der als Evangelist im Dialog zugleich den Petrus, sowie Kriegsknecht und Gläubige Seele verkörperte. Auch beim vibrierenden Bass Lorenz Kauffer ging es mit der Rollenverteilung durcheinander, und Frederic Mörth hatte, außer seinen zunächst mit Streicherchor, später vom Generalbass begleiteten Jesus-Worten auch eine ganze Jesus-Arie zu singen. Bewundernswert bei der Aufführung von Stölzels vielseitiger, die barocken Formen einfallsreich variierenden Passion waren die lautreine und homogene Wiedergabe der affektvollen Turbachöre und Choräle durch den Bachchor und die farbige Transparenz des Bachorchesters Stuttgart unter Jörg- Hannes Hahns kundiger Leitung.