Wenn das Verhallen eines Tones zum Ereignis wird
(…) Der französische Komponist – geboren 1939, Schüler des komponierenden Ornithologen Olivier Messiaen – war von 1985 bis 2015 Titularorganist der Pariser Kathedrale Notre Dame – international eine der prestigeträchtigsten Orgelstellen. Musik in kathedrale Weiten zu schicken, gehört also zum Kern seiner Identität. Hörbar in der Cannstatter Reihe Musik am 13., die Leguay in der gut besuchten Stadtkirche ihr 21. Komponistenporträt widmete. All die großen Namen waren hier schon zu Gast: von Adriana Hölszky, Wolfgang Rihm, Krzysztof Penderecki über Pēteris Vasks bis hin zu Younghi Pagh-Paan, Helmut Lachenmann oder Sofia Gubaidulina. (…)
Klar, dass Leguay in der Stadtkirche eine Kostprobe seiner legendären freien Orgelimprovisationen gab, für die er berühmt ist: aus der Stille sich aufbauend, mal zart gezeichnet, glitzernd-glucksend, parlierend, Klänge, die sich oft wie Farbtropfen in Wasser ausbreiten, dann ab- und aufwärts wandern oder kriechen, Registermischungen aus näselnden, glockigen, brummenden, plätschernden Stimmen, die immer dichter werden. Plötzlich erklingt eine entbeinte Melodie, alles füllt sich wieder mit Farben, um sich dann in Ewigkeitsklängen zu verabschieden.
Solche pralle, kontrastreiche Farbenvielfalt als Struktur, die sehr französisch ist und auf einer ganz eigenen freitonalen, dissonanzenreichen Harmonik aufbaut, prägen auch die Kompositionen des heute 86-Jährigen. (…)